Velotag

Alljährlich findet in unserer Quartierprimarschule ein Velotag für alle Klassen statt.
Da werden die Velos und Helme aller Schüler kontrolliert und nachher auf einem autoverkehrsfreien Platz, obwohl schon Kindergärtnern eingetrichtert wird, dass sie ab 6 Jahren nur noch auf der Strasse fahren dürfen, ein Geschicklichkeitsparcours absolviert.

Als Elternteil der ca. 80% seiner jährlichen Kilometerleistung  per Velo absolviert (10% zu Fuss; das Restliche ist sowenig mit öV, dass sich für mich nicht mal ein Halbtax rendiert und erspare so der Volkswirtschaft Steuerbelastung durch Subventionen (eine Busfahrt mit den VBSG wird von Kanton und Bund mit durchschnittlich Fr. 1.50 subventioniert); im Auto sitze ich aus ethischen Gründen höchstens alle paar Jahre, meist aus sozialen Gründen, weil sich die meisten in unserer Gesellschaft ein Leben ohne Auto nicht vorstellen können und daher keine Rücksicht auf autofreie Lebensstile nehmen) also als Eltern, die auf einen Leben ohne energieverschleissende Mobilität setzen, d.h. auf einen global konkurrenzfähigen Lebensstil, ist man noch so froh, wenn die Kinder möglichst frühzeitig lernen, wie man sich den Gefahren des meist in der Freizeit stattfindenden Autoverkehr auch auf unseren Quartierstrassen anpasst.
Wie man sich als Velofahrer zB. in unseren 30-er Zonen verhält, wenn mal links und dann wieder rechts parkierte Autos stehen und ein Auto hinten und gleichzeitig entgegen kommt (selbst auf Wohnquartierstrassen ist das Abstellen von leeren Blechkisten wichtiger als Freiraum von Kindern, dann fährt man sie halt in subenventionierte Sportclubs, Indoorspielplätze, Tagesschulen, Jugendtreffpunkte etc.).
Dann fahr ich illegalerweise resp. wegen autozentrierter Verkehrspolitik aus Sicherheitsgründen selbst in Quartieren mit meinem Kind  zu zweit nebeneinander, auch wenn wir nicht mehr Strassenbreite beanspruchen als 80% aller Autofahrer, die allein unterwegs sind.
Aber solche Sachen lernen sie am Velotag nicht, weil man das nur durch Erfahrung resp. durch die bewusste Gefährdung der eigenen Gesundheit lernen kann.

Dann wird vor lauter Pflichtbewusstsein, v.a. der überangepassten ausländischen Familien, von den Eltern das seit langem im Keller am verstaubende Kindervelo noch schnell zum Veloflick gebracht oder sogar noch schnell ein neues Chinabilligvelo besorgt, um es nach dem Velotag bis zum nächsten Velotag in einem Jahr wieder im Keller zu versenken.

Sieht man mehr Kinder auf unseren Strassen mit dem Velo herumfahren wegen des Velotages?

Seit vielen Jahrzehnte gar Jahrhundert erlebt das in lokalen Gegenheiten schnellste, energieeffizienteste und damit (uva unter volkswirtschaftlichsten Gesichtspunkten, zB Volksgesundheit, soziale Integration usw.) billigste Fahrzeug Velo (80% aller Fahrten sind weniger als 3km) einen beispiellosen Niedergang.

Es ist die Attraktivität des Velofahrens, dass massiv abgenommen hat. Verursacht durch die ständig massiv abgenommene Sicherheit auf innerstädtischen Strassen. Im Gleichschritt mit immer mehr autogerechten Städten.
Seit Jahren verspricht man Förderung des Langsamsverkehrs, obwohl das Velo das schnellste Fahrzeug in urbanen Gebieten ist, aber trotzdem wird es für den gemäss Bezeichnung minderwertigen Langsamverkehr immer schlimmer.

Vor über 100 Jahren während der Stickereiblüte war noch die Mehrheit der stadt-st.-galler Bevölkerung mittels Fahrrad unterwegs, obwohl es keine Goretex-Kleidung oder 24-Schaltung gab.

Selbst Stadtpräsident Scheitlin kann noch davon berichten, was für massive Freiheitsmöglichkeiten ein Kind während seiner Jugend erhielt, wenn sich ein Stadtkind stolzer Besitzer eines eigenen Velos nennen durfte.

Wieviele Kinder lernen heutzutage noch den Wert von selbstbestmmter Freizeit und Freiheit?
Wo ihr Tag nicht vom Aufstehen bis zum Zubettgehen durchstrukturiert und fremdbestimmt ist?
Ist Kindheit nur noch dafür da, wenig kostenverusachende resp gut steuerzahlende Erwachsene zu werden?
Kindheit an und für sich hat keinen Lebenswert mehr?

Wenn man den Richtplan und die dazugehörigen Aussagen v.a. die von Stadtparlamentariern und Kommissionsmitgliedern (der Stadtrat hält sich vornehm zurück, wahrscheinlich im Wissen, dass man es besser machen könnte, aber bei diesem Stadtparlament nicht besser machen kann), dann sei der grösste Brocken, wie man den ausserstädtischen Autoverkehr auf innerstädtischen Strassen bewältigt, aber nicht wie mehr Lebensqualität für Kinder in den Quartieren geschaffen werden kann, wie sie in ihrer Lebensumgebung mehr entwicklungsförderlichen Lebensraum erhalten statt mit den vollbeschäftigten Eltern am Wochenende noch in den immer ferneren Wald zu hetzen (alleine dorthin zu gehen, ist zu gefährlich), damit sie wenigstens noch stundenweise merken, dass sie nicht wie in einem Zoo leben.
Mehr attraktive Treffpunkte gleich vor dem eigenen Wohnhaus sind scheinbar nicht wichtig. Dafür werden dann zum Leidwesen der Lehrer, die Schulstunden für die Pflege von sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen missbraucht.

Sind gewählte Politiker nur da, um das Wunschkonzert der Bevölkerung zu orchestrieren?

Eigentlich weiss jeder Erwachsene, dass er durch die platzverschwenderische Nutzung eines Autos den Lebensraum von Kindern in der Stadt auch durch unnötige Gefahrenverursachung massiv einschränkt.
Trotzdem kamen alle am Velotag beteiligten Polizisten und viele Eltern des Elternforums mit Auto zur Schule und parkierten direkt davor (zusätzlich zum Verkehr, den Lehrer zu ihrem subventionierten eigenen Parkplatz vor der Schule alltäglich verursachen und das immer am Schulanfang und -schluss, wenn am meisten Kinder unterwegs sind), obwohl jeder dieser Erwachsenen wussten, dass alle Schüler an diesem Tag mit dem Velo auf den Strassen unterwegs sind.

Wer so wenig Respekt vor seinen ‚Schutzbefohlenen!‘ hat, muss von Kindern auch keinen Respekt erwarten.
Nicht von Kindern erwarten, was man nicht vorbildlich als Erwachsener selbst vorlebt.

Wenigstens ich war wie immer mit dem Velo als Erwachsener solidarisch mit den Kindern präsent.
Schliesslich kennen mich fast alle Schüler unserer Schule, weil ich am Leben meiner Kinder teilnehme.

Wie sonst kann man seine Lebenszeit erfüllender verbringen als mit unseren emotionalsten, sozialsten, ideen- und abwechslungsreichsten, fröhlichsten, begeisterungsfähigsten, offensten, innovativsten etc.  Mitmenschen Kindern.

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